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ROTARY MAGAZIN 8/2005

Zeitzeichen - Aktuell 

Jetzt sind die Forscher gefordert:

Mit Wissen gegen Minen

Ute Böttger, R.C. Berlin-Schloss Köpenick

Im Dezember 2004 fand in Nairobi der Weltgipfel „Für eine minenfreie Welt“ statt. Für kurze Zeit trat die damit zusammenhängende Problematik in das Bewusstsein einer kritischen Welt- öffentlichkeit. Leider wurde die Rolle der Forschung bei der Entwicklung technischer Lösungen zur Beseitigung von Landminen nur am Rand erwähnt – ein Umstand der bei solchen Anlässen beinahe regelmäßig zu beobachten ist.

Dabei würden Landminen ihre militärische Wirksamkeit einbüßen, wenn man sie genauso schnell räumen könnte, wie sie gelegt werden. Diese Vision kann nur mit neuen Technologien in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Minenräumern und Detektorherstellern verwirklicht werden. Wir suchen in den Tiefen des Mars Spuren von Wasser, da wird es für die Minensuche auf der Erde doch wohl eine sinnvolle Lösung geben!

Auf einer Veranstaltung des Rotary Clubs Berlin-Schloss Köpenick wurde von zwei Wissenschaftlern und einem Minen- räumer vorgestellt, wie der Weg zur Verwirklichung dieser Vision aussehen könnte, was inzwischen zur Gründung des Vereins „Wissen gegen Minen“ e.V. geführt hat.

Mit den derzeit im Feldeinsatz genutzten Methoden (Metalldetektor, Suchnadeln, Minenhund, Minenräummaschinen) können nicht alle Minen gefunden werden. Das ist das Hauptproblem.

Außerdem beansprucht die Falschalarmrate 99 Prozent der Räumungszeit. Trotz der extrem niedrigen Erfolgsquote fand jedoch bisher keine weitere Methode das Vertrauen der Minenräumer. Ein weiteres Problem ist die Zuverlässigkeit der verwendeten Methoden. Selbst für den Metalldetektor sind Zuverlässigkeitsuntersuchungen erst seit wenigen Jahren im Gange. Weshalb wird im 21. Jahrhundert auf dem Gebiet der Landminendetektion noch mit den Methoden des vorherigen Jahrhunderts gearbeitet? Wie groß ist das Problem?

Landminen wurden militärisch als wichtig betrachtet, weil sie die Schlagkraft des Gegners schwächen. Sie verlangsamen seinen Vormarsch, indem sie das Bewegungsfeld einschränken und zudem nach erfolgter Explosion wichtige Kräfte binden. Sie sind für kleinere Armeen und paramilitärische Einheiten (Dritte Welt) attraktiv, weil sie keine komplexe Logistik benötigen und sie praktisch jeder herstellen kann. Es gibt in Bezug auf Einsatz und Wirkung über 350 verschiedene Typen von Landminen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Materialzusammensetzung und ihrer Auslösemechanismen. Derzeit sind mehr als 50 Millionen Landminen in 55 Ländern vergraben. 200 Millionen liegen noch auf Halde. Jährlich gibt es zehntausende Opfer. Der Herstellungspreis einer Mine liegt zwischen drei und 30 US-Dollar – ihre Beseitigung kostet zwischen 300 und 1.000 US-Dollar. Bei Anwendung aktueller Räummethoden werden gegenwärtig pro Jahr etwa 100 000 Minen unschädlich gemacht. Demzufolge dauert die weltweite Beseitigung der bereits gelegten Minen mindestens 500 Jahre. Die geschätzten Kosten liegen bei 30 Milliarden US-Dollar. Dabei ist nicht berücksichtigt, dass jährlich 1,9 Millionen Landminen neu gelegt werden. Das bedeutet für jedes weitere Jahr zusätzliche 19 Jahre Minenräumen. Wie ist das Problem unter diesen Randbedingungen lösbar?

Der politische Ansatz ist eine Grundvor- aussetzung zur Lösung des Landminen- problems: Es muss verhindert werden, dass weitere Minen produziert, verteilt und gelegt werden. Im Dezember 1997 wurde die "Ottawa Mine-Ban Convention" der UNO über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung verabschiedet, die inzwischen von über 150 Staaten unterschrieben wurde (Deutschland 1997). Einige wichtige Staaten, wie USA und China haben bisher nicht unterzeichnet. Die Ottawa Konvention zeigt insofern Erfolge, als der Export von Antipersonenminen zum Erliegen gekommen ist.

 

Politische Ansätze müssen jedoch durch sozio-ökonomische und wissenschaftlich-technische Maßnahmen begleitet werden. Zu Aspekten der sozio-ökonomischen Einbettung und der Versorgung der Opfer, verweisen wir auf das Rotary-Projekt MINE-EX (s. S. 34). In diesem Artikel soll aus wissenschaftlich-technischer Sicht ein Ansatz zur Opfervermeidung vorgestellt werden. Wenn man den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft betrachtet, so erweisen sich 20 Methoden als viel versprechend zur Minendetektion. Außer den oben genannten hat jedoch keine weitere Feldreife erlangt. Zudem kann keine Methode allein alle Minen finden. Dazu ist die Vielfalt der Landminen und der Umgebungen, in denen sie gefunden werden müssen, zu groß.

Bei der Suche nach Lösungen entstand die Idee zu einem Projekt, welches im Rahmen des Vereins „Wissen gegen Minen“ realisiert wird. Das Projekt basiert auf zwei Säulen, der Schaffung eines Kompetenznetzwerkes und der Her- stellung eines Online-Tools. – Was ist damit gemeint?

Das Kompetenznetzwerk

Das Kompetenznetzwerk, die erste Säule, ist eine Kommunikationsplattform für den Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaftlern, Minenräumern und Detektorherstellern. Denn ein wesentliches Problem der Einführung neuer Verfahren zur Landminendetektion ist die Kommunikationslücke zwischen den beteiligten Gruppen: Minenräumer verstehen oft nicht die Erläuterungen der Forscher, diese haben oft nur eine sehr vage Vorstellung von den Problemen auf dem Minenfeld und die Detektorhersteller sind finanziellen Zwängen unterworfen, ohne über das Potenzial für Langzeitforschung zu verfügen. Ein Kompetenznetzwerk als Kommunika- tionsplattform wird einerseits zum Forum für den internationalen fachwissen- schaftlichen Austausch und eröffnet andererseits den Betroffenen vor Ort den Know-how-Zugang.

 

Das Online-Tool

Eine bewährte Methode in der Wissenschaft zur Lösung von komplexen Problemen lässt sich wie folgt beschreiben: Für ein komplexes System wird zunächst ein Modell erstellt und  im Rechner simuliert. Die Simulation wird durch Messungen korrigiert und optimiert. Erst danach beginnt die Entwicklung des eigentlichen Produkts, in unserem Fall des Detektors. Dieser wird durch experimentelle Tests validiert, die sich aus der vorhergehenden Simulation ergeben. Ehe der Detektor im Feld zum Einsatz kommt, muss er noch Zuverlässigkeitsprüfungen bestehen.

Für die äußerst komplizierte Problematik der Landminendetektion muss  ebenso vorgegangen werden. Der erste Schritt ist die Schaffung eines geeigneten  Simulationswerkzeuges. In dem online zur Verfügung stehenden, hoch entwickelten Softwaretool ist dann das weltweit existierende Fachwissen, die reichhaltigen Erfahrungen der Wissenschaftler der verschiedenen Fachgebiete, der Detektorhersteller und der Minenräumer zusammengefasst und für die Landminenproblematik aufbereitet. Auf diese Weise wird eine interdisziplinäre Bündelung von Fachwissen für eine systematische Analyse von Minendetektionsverfahren erreicht. In diesem Sinne dient das Tool auch als Basis für das Kompetenznetzwerk (erste Säule).

Der Grundstock für ein Kompetenz- netzwerk ist mit der Gründung des Vereins  „Wissen gegen Minen e.V.“ gelegt worden. Dieser wird durch die stetige Erweiterung der Kontakte und die weitere Einbeziehung interessierter Wissenschaftler, Minenräumer und Detektorhersteller ausgebaut. Für das Online-Tool existiert ein Projektplan; ein Finanzierungskonzept wird gegenwärtig erarbeitet.

Der Verein wird zur Entwicklung verbesserter einsatzfähiger Systeme zur Minendetektion und zur Optimierung der Trainings- und Räumprogramme beitragen. Opfer werden vermieden und die betroffenen Länder erhalten beim Aufbau ihrer Infrastruktur die notwendige Unterstützung für die eigenverantwortliche Beurteilung der Situation.

Das Ziel ist ein sicheres und schnelles Minenräumen und die Vermeidung weiterer sinnloser Opfer!

 

Dr. rer. nat. Ute Böttger, Gründungsvorsitzende des Vereins „Wissen gegen Minen“ e.V. und Vorsitzende bis 2009

www.wissen-gegen-minen.de



Wissen gegen Minen e.V. | wgm.ev@gmx.net